D E L I R I U M ⋅ O F ⋅ D E N Y I N G

 

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“Doch eines haben wir uns noch nicht klar machen können, weil es zu weit entfernt ist von der gegenwärtigen Lage der Künstler – und dann doch wieder nicht: dass nämlich die Künstler sich für Verfolgte hielten.” Mit diesem Satz eröffnet Diedrich Diederichsen seinen Blick auf die Künstlergruppe SPUR, der einem die Arbeiten der Ausstellung, um die es hier gehen soll, wieder vor Augen ruft. Vielleicht liesse sich das Bild des Verfolgten eben doch wieder denken, wenn auch nicht vor einem politischen Hintergrund, wie es zur Zeit des Deutschen Herbstes der Fall war, sondern vor dem eines vagen Unbehagens, Arbeiten mit allzu ambivalenten Vorzeichen zu veräussern, die in ihrem gebrochenen Glanz, ihrer

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Verzerrung und Überblendung auch von sich selbst handeln müssen und denen dabei fast schon etwas Verräterisches anhaftet: den Verrat am Betrachter und der Kunst mit inbegriffen. Mit dem Titel der Ausstellung Delirium of Denying, die 2012 im Kunstverein Mönchengladbach  eröffnete, stösst sich der Besucher zunächst an einem Zweifel. Um welches Delirium soll es hier gehen? Um das eines zwanghaften Verneinens, einem Verleugnungsautomatismus, welcher nichts gelten lässt? Oder um eines, das sich der Verneinung entgegensetzt um aus ihm unter Einsatz delirischer Taten auszubrechen? Und sind Überschreitung, Entgrenzung und Transgression, so wie sie in Delirium of Denying in vielen der Arbeiten zu Tage treten, nicht immer auch, schenkt man Bataille oder auch Nietzsche Glauben, ein quasi-dynonisisches Ja-Sagen an die Welt? Auf das Ausufern der Ausstellung hin soll ein hypothetischer Text folgen, in welchem sich Fragmente aus dem kunstgeschichtlichen Fundus mit paranoid-assoziativen Mutmaßungen zu unheimlichen Paarungen fügen.

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E R S T E    B E G E H U N G

Bereits beim Betreten der Ausstellung lässt sich vermuten, dass das Delirium, um dessen lose Erfassung es in diesem Text gehen soll, nicht allein auf konzeptueller Ebene verhandelt wird. Der zweigeschössige Ausstellungsraum wirkt gewissermaßen durchschnitten. Auf der oberen Ebene macht sich eine flirrende Reizüberladung geltend – eine sechsteilige Videoinstallation mit Stroboskopeffekten, die die Hochparterre durchsetzt, erklärt sich lautstark zum dominierenden Handlungsfeld und akutem Delirium der Ausstellung. Unweit davon eine leicht aufgebarrte Matratze aus Kaltschaum, nahezu schwebend, wobei der Künstler mit ihr gleich den ganzen Galerieboden angehoben hat. Vom Grün ins Neon ausstrahlend erwartet man fast ihr Nachleuchten im Dunkeln – darunter nur die ungeschützte Öffnung in den unteren Ausstellungsbereich. . An der Wand im Vernichtungsschlag gegen die Horizontalität des vermeintlichen Bettgeagers, dem Ort des Subjekts im Stand-by-Modus, aber auch des Halluzinatorischen und Affizierten, eine Posterarbeit mit dem Portrait eines liegenden Toten mit verstümmelten Anlitz, welches der Künstler mit einer einfachen Drehung wieder vertikal aufgerichtet hat. Schliesslich auf einer großformatigen Lastwagenplane, in aus dem Schwarz leuchtenden neugotischen Buchstaben die beidseitig kolorierte Inschrift „Delirium“ – so verrottet, als wäre es schon vor Jahren dort eingeschrieben und für die Ausstellung wieder aus irgendeinem Keller geborgen worden. Davon auslaufend und erst verspätet als Teil derselben Arbeit erkennbar liegt verknotet ein rotes Bergsteigerseil, das sich von der Zwischendecke der Galerie aus durch die Ösen der Plane windet und auf dem Ausstellungsboden zu ausladenden Formen legt. Nirgends Halt oder Befestigung findend läuft es schließlich in sich selbst zurück.

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Im Erdgeschoss dagegen eine fast schon retrospektivisch erzählte, weitaus zurückgenommenere Sammlung von Objekten, Installationen und anderen zweidimensionalen Arbeiten. Alte und neue Werke verdichten sich hier mit Gebrauchsgegenständen zu einer engen zeremoniellen Anordnung, wie man sie von Aufbauten archaischen Grabbeigaben her kennt. Trotz der augenscheinlichen Zweiteilung der Ausstellungsfläche operiert der Raum vielmehr als Schwellenbau, der auch in seiner Vertikalität überall Versatzstücke, Löcher, Aussichtsposten und Verwicklungen eines „Höheren“ und „Niederem“ konstituiert. Immer wieder wird in den verschiedenen Ebenen interveniert, wie man an dem aufgerissenen Boden untern dem großen Banner, oder anhand der Stapelung der Lautsprecher auf dem aus dem Boden gehobenen Tisch erkennt. Der angeschlossene Sampler taktet den Raum parallel zu den Videos in laute Endlosschleifen steter Wiederholung, Gefangenschaft und Ausbruchsversuche. Ein Speer durchschlägt, fast heimlich, die Oberfläche der Hochparterre in Richtung der Küche des Kunstvereins, und seine Spitze liesse sich wohl irgendwo dort wieder entdecken, verliesse man denn den offiziellen Ausstellungsbereich. Andere Raumelemente und verwaiste Bodenplatten lassen sich als flaches Podest für eine Magazinsammlung im Erdgeschoss der Galerie wiederfinden und erst im nachhinein als solche rekonstruieren. […]

 

 

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